Die Presse - Online-Ausgabe vom 17.3.2001:


 
 
Von der Obertonreihe kommt unser Ohr nicht los
 
Der deutsche Musikologe Franz Sauter legt nichts weniger als eine "Anatomie der musikalischen Ästhetik" vor. Ein erstaunliches Werk.
 
Franz Sauter Die tonale Musik Anatomie der musikalischen Ästhetik, 144 S., geb., S 129, Euro 9,37 (Libri Books on Demand, Hamburg)

Melodie, Harmonie und Rhythmus, das sind die Versatzstücke dessen, was wir als Musik bezeichnen. Wenn es auch noch "schöne" Musik sein soll, dann müssen diese Versatzstücke bestimmten Kriterien gehorchen. Es gibt, davon waren die Theoretiker stets überzeugt, grundlegende Übereinkünfte zwischen den Menschen. Das, was wir als "tonale Musik" bezeichnen, also im wesentlichen die ganze abendländische (und die mit ihr assoziierte amerikanische, mittlerweile tatsächlich weltumspannende) Musik baut auf klar definierbaren Fundamenten.
Das hat zuletzt Paul Hindemith deutlich gemacht, der eine in sich geschlossene Tonsatzlehre publizierte, die den sogenannten fortschrittlichen Geistern des 20. Jahrhunderts zwar wie ein Frontalangriff auf ihre anarchischen, angeblich allein zukunftsträchtigen Vorstellungen von einer Zertrümmerung der Tonalität und der Umerziehung der menschlichen Hörgewohnheiten erschien. Aber die Orientierung des Ohrs an den tatsächlich natürlichen Gegebenheiten der Obertonreihe konnte bis dato nicht ausgehebelt werden.
Darauf vertraut auch Franz Sauter, der den Versuch wagt, eine knappe, klare und stringente Erläuterung der natürlichen Zusammenhänge der drei gern als getrennt dargelegten Grundbegriffe Melodie, Harmonie, Rhythmus zu geben. Zwanzig Jahre lang hat er sich mit den grundlegenden Fragen des musikalischen Schönheitsbegriffs befaßt. Das vorliegende Buch ist die Quintessenz dieser Studien: Es entwickelt - leicht lesbar und für alle halbwegs musikalischen Geister mühelos nachvollziehbar - ausgehend von der physikalischen Theorie der Konsonanz eine zusammenhängende Dramaturgie des Schönheitsempfindens; über die Frage der Tonalität - wie (und ab wann) das Ohr sie erkennt und zuordnen kann -, über die Modulation, den Rhythmus - den Sauter vom Gleichmaß der harmonischen Abfolgen ableitet - bis hin zu einer Melodielehre, die in seltener Knappheit und Klarheit die Abhängigkeit melodischer von harmonischen Spannungen erklärt. Der Bogen spannt sich bis zu Grundbegriffen motivischer und kontrapunktischer Arbeit, durch die höhere musikalische Formen erst zu bilden sind.
Nicht nur daß Sauter mit liebgewordenen und unreflektiert über Jahrhunderte verwendeten Begriffen wie dem des "Leittons" aufräumt, dürfte für Verwirrung, ja Verstörung bei vielen Kollegen sorgen. Das wird Sauter verkraften - denn sein Büchlein wird so bald keinen Antipoden finden. Der Mühe, die Thesen zu entkräften, hätte sich längst unterziehen können, wer's wirklich besser wüßte.

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