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Festvortrag beim Symposion "20 Jahre Harmonia Classica" am 20.4.2002 in Wien

Die tonale Musik

Ich bin als Autor des Buches "Die tonale Musik" eingeladen worden, auf diesem Symposion über die tonale Musik zu sprechen. Ich bedanke mich dafür und ergreife diese Gelegenheit gerne. Die Frage, was tonale Musik ist, wird heute in der Musikwissenschaft eigentlich kaum gestellt. Über diesen Gegenstand redet man üblicherweise nicht wissenschaftlich urteilend, sondern historisch einordnend. Man nennt gleich ein längst abgelaufenes Verfallsdatum. So, als ob sich mit dieser Einordnung jegliche weitere Befassung erübrige. Eine Untersuchung der tonalen Musik hat es also gleich mit Vorbehalten zu tun.

Darum habe ich mich in meinem Buch nicht gekümmert, sondern einfach die harmonischen, rhythmischen und melodischen Formen und Gesetze der Reihe nach, also so, wie sie aufeinander aufgebaut sind, untersucht. Das will ich jetzt natürlich nicht alles von vorne bis hinten vor Ihnen entwickeln. Für heute abend erscheint es mir praktikabel, einmal mit dem Ergebnis meiner Untersuchung anzufangen: Tonale Musik ist Musik sans phrase. Ich will das näher erläutern. Es wird dann schnell klar werden, dass diese Bestimmung der tonalen Musik mit der gängigen historischen Betrachtungsweise nicht kompatibel ist.

Tonale Musik ist Musik schlechthin, das heißt, sie ist Musik pur. Ihre Eigenarten haben keinen anderen Grund und keine andere Gesetzmäßigkeit als das, was im Begriff der Musik enthalten ist und notwendig dazugehört. Tonale Musik ist ganz und gar das, was Musik eigentlich heißt. Man fasst sich vielleicht an den Kopf und fragt: Warum sollte sie denn auch etwas anderes sein? Nun, für die Vorläufer der tonalen Musik gilt diese Bestimmung noch nicht. Bei der Halteton-Musik finden wir zwar schon Keime des eigentlich Musikalischen, aber die Regularien, denen diese Musik unterworfen ist, entspringen ganz anderen, nämlich mystischen Gesichtspunkten. Es ist zwar bemerkenswert, dass Aristoteles schon eine ganz ähnliche Vorstellung vom Musikalischen hatte wie wir heute. Er wusste auch, dass es im Wesen der Musik liegt, Freude zu bereiten. Aber in der griechischen Gesellschaft waren nicht die Voraussetzungen vorhanden, Musik einzig von diesem Standpunkt aus zu machen. Denn dieses Ansinnen kommt erst auf, wo das Mittelalter zu Ende geht.

Musik, die aus dem Interesse am Klanggenuss heraus gemacht und gehört wird und aus sonst keinem Grund, solche Musik ist tonale Musik. Das zeigt sich daran, dass all das, was notwendig zur tonalen Musik dazugehört, was sich sozusagen nicht von ihr wegdenken lässt - Harmonie, Rhythmus, Melodie, um das ganz Grundlegende zu erwähnen - ganz und gar ästhetische Bestimmungen sind. Was heißt das? Damit sind wir schon beim nächsten theoretischen Problem: Wer weiß denn heute schon, was schön, was ästhetisch ist? Die meisten denken dabei an den Geschmack und an die vielen subjektiven Vorlieben. Kaum jemand stellt sich aber ganz allgemein die Frage: Was ist das eigentlich, was uns zu dem Urteil verleitet, eine Sache sei schön? Oder anders ausgedrückt: Worin besteht denn das Schönsein einer Sache? Ich will darauf zuerst eine allgemeine Antwort geben, um sie dann anhand von Beispielen zu erläutern: Schön erscheint uns eine Sache dann, wenn die an ihr wahrnehmbaren Momente zusammenpassen. Und schon sind wir bei der nächsten Frage: Was ist das: "zusammenpassen"?

Da wir auch Dichter im Publikum haben, nehme ich einmal den Reim als einfaches Beispiel für eine ästhetische Form: Wenn ich sage "Dem Ingenieur / ist nichts zu schwör", dann biete ich der Wahrnehmung zwei Inhalte, die zusammenpassen. Die Inhalte sind in diesem Fall Verse, die nicht nur diese abstrakte Gemeinsamkeit haben, Verse zu sein. Die Gemeinsamkeit, die den Reim ausmacht, liegt in der konkreten Art und Weise, wie die Verse auslauten. Aufgrund dieser Übereinstimmung passen sie zusammen. Das ist eines der ästhetischen Momente, die wir an der Poesie als schön genießen. Allgemein gesprochen handelt es sich dabei um ein ganz bestimmtes Verhältnis, das Wahrnehmungsinhalte gleichen Typs - hier vom Typus Vers - zueinander einnehmen. Es ist etwas an ihnen, sie haben eine Eigenschaft, in der sie übereinstimmen. Sie haben die Grundlage ihrer Beziehung in sich selbst, in ihrer Beschaffenheit. Die Beziehung ist ein Vergleich. Aber nicht ein Vergleich, den nur wir anstellen, wenn wir wahrnehmen, sondern sozusagen ein Vergleich an der Sache: Die Wahrnehmungsinhalte selbst sind in ein Verhältnis gesetzt, worin sie sich aneinander vergleichen. So passen sie zusammen. Dichten - ganz allgemein gesprochen - ist das Ausformulieren von sprachlichen Verlautbarungen nach Gesichtspunkten ihres Zusammenpassens.

Komponieren ist das Erfinden und Arrangieren von Klangfiguren - wiederum: nach Gesichtspunkten ihres Zusammenpassens. Nehmen wir als Beispiel das Motiv: Die Melodie bewegt sich nicht nur einfach so dahin. Sie nimmt ihre zurückgelegte Bewegung in ihrem weiteren Fortgang wieder auf. Zum Beispiel gleich zu Beginn des Kinderliedchens "Hänschen klein, ging allein...". Unsere Wahrnehmungsinhalte gleichen Typs sind diesmal Tonfolgen. Und sie passen zusammen, weil sie übereinstimmen in der melodischen Bewegungsform. Sie beziehen sich nach Maßgabe ihrer eigenen melodischen Beschaffenheit aufeinander.

Ein weiteres Beispiel für die musikalische Ästhetik ist die Harmonie von Dur- und Mollklängen. Diese Klänge werden bisher immer als Gebilde gedeutet, in denen die Natur nachgeahmt wird. Man meint, das Harmonische stecke in Schwingungsproportionen und sei insofern schon in der Obertonreihe vorgebildet. Demnach hat der Mensch die Harmonie von außen empfangen. Völlig übersehen wird dabei das eigentlich Harmonische, das Zusammenpassen der Töne in der Konsonanz. Es ist nämlich auch hier wieder Schönheit dasselbe, was es überall ist: Wahrnehmungsinhalte gleichen Typs - hier sind es klangvolle Töne - sind in Verhältnisse gesetzt, die ihren Eigenschaften entsprechen. Hier ist die durch Obertöne bestimmte Klangeigenschaft der Töne das Kriterium des Zusammenpassens. Im Zusammenfallen von Teiltönen liegt das Wesen der Konsonanz.

Nur wegen des Klanggenusses und gegen alle althergebrachten Komponiervorschriften hat sich die Harmonie der Dur- und Mollklänge durchgesetzt. Sie sind ein geistiges Produkt von modernen Menschen, die sich an keine mystischen Vorschriften mehr halten, sondern ganz unbefangen den Genuss der Schönheit bejahen. In der Musik ist das ästhetische Prinzip des Zusammenpassens von Wahrnehmungsinhalten in vielerlei Formen verwirklicht. Die Konsonanz ist nur der Ausgangspunkt einer in sich konsequenten Ästhetik. Bei ihr wird in der Tat an der natürlichen Beschaffenheit des Klangs angeknüpft, aber nur, um die Konsonanz selbst wieder mit anderen Konsonanzen harmonieren zu lassen usw. Die musikalische Ästhetik ist als System von aufeinander aufbauenden Formen des Zusammenpassens entwickelt. Auf einer ganz abgeleiteten Ebene dieser ästhetischen Architektur folgt das bereits erwähnte Motiv.

Für die Struktur der musikalischen Schönheit interessiert sich die heutige Musikwissenschaft nicht. Ihre verkehrten Theorien lassen auch den Grund erkennen, warum sie sich für Komponisten wie Schönberg stark macht: Schönberg ist der gängigen und überhaupt nicht originellen Ansicht, dass der Durklang von der Obertonreihe abgekupfert sei. Von dieser Vorstellung her legt er sich die Musikgeschichte zurecht. Er denkt, man habe von unten angefangen, sich die Obertonreihe zum Vorbild zu nehmen und sich an die betreffenden Tonverhältnisse zu gewöhnen, um sie deshalb - durch Gewöhnung - als konsonant zu empfinden. Dann muss also der Komponist das größte Genie sein, der die Dissonanzen, die er den höheren Bereichen der Obertonreihe abzulauschen meint, wie Konsonanzen behandelt. Schönberg war so ein Genie. Und er hat die vorgefundenen Musikinstrumente mit ihren zwölf Tönen in einer Weise traktiert, die möglichst ungewohnte Tonbeziehungen zu Gehör bringen sollen. Schönberg hat die Musikwissenschaft beim Wort genommen, er war ein konsequenter Vertreter der Ideologie von der Naturnachahmung. Aus dieser Wissenschaft bezog er die Projektionen für seinen Geltungsdrang als Genie.

Schöne Musik kann so natürlich nicht zustande kommen. Denn Schönheit ist keine Frage der Gewöhnung. Man kann sich an vieles gewöhnen, auch an Schönes. Aber Schönheit ist etwas, was der Gestalt der Objekte anhaftet, die von Künstlern geschaffen werden. Eben deswegen ist wirkliche Schönheit hinreißend, also bloß eine Frage der Wahrnehmung. Von einer Wissenschaft, in der beständig die Objektivität der Schönheit und die geistige Urheberschaft der Harmonie geleugnet wird, sollte man sich nicht die Maßstäbe fürs Musizieren abholen. Ohnehin braucht man fürs Musikmachen keinerlei theoretische Kenntnisse. Vor allem aber können gute Musiker nur solche sein, die sich von der in der Musikwissenschaft üblichen Verachtung der Tonalität nicht beeindrucken lassen.

© 2002 Franz Sauter, Hamburg

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