Erschienen am: 19.02.2002
Zwerg unter Riesen: Versuch über die Tonalität in der Musik
Nicht jedes Buch, das sich mit
wissenschaftlichen Fragen beschäftigt, muss wissenschaftlichen Ansprüchen
genügen. Es liesse sich sogar behaupten, dass die fachliche Diskussion immer
wieder von Büchern Impulse erhielt, die unbekümmert mit den Standards
wissenschaftlicher Kommunikation umgingen.
Unverzichtbar für die Seriosität
einer Veröffentlichung bleibt aber ein Gespür des Autors für die Chancen und
Grenzen seines Ansatzes. So wäre es lächerlich, wollte man allein aus der
Kenntnis der Kinderbibel zu einer Polemik gegen die bisherige Bibelforschung
ansetzen. Dass man es mit einem vergleichbaren Vorgehen immerhin in die
Feuilletons namhafter Zeitungen bringen kann, beweist Franz Sauter mit seinem
Buch «Die tonale Musik. Anatomie der musikalischen Ästhetik».
Sauter hat es
sich zum Ziel gemacht, die akustisch-physiologischen «Gesetze» der «Schönheit»
der tonalen Musik offenzulegen. Bei der Weite der Zielsetzung lässt der geringe
Buchumfang eine mehr essayistische als wissenschaftliche Darstellung erwarten.
Umso erstaunlicher wirkt dann aber das fortwährende Bemühen Sauters um ein
Aufräumen mit «bisher gängigen Dogmen» der «spekulativen» Musikwissenschaft, die
sich angeblich längst von der tonalen Musik abgewandt habe. Die Lektüre von
Sauters Büchlein ruft das Gleichnis des Bernhard von Chartres über die «Zwerge,
die nur deshalb so weit sehen können», weil sie «auf den Schultern von Riesen
stehen», in Erinnerung.
Ein Bewusstsein für die Vorleistungen anderer fehlt
Sauter. Angefangen vom Mittelalter beziehen alle Musiktheoretiker Schelte, die
nicht mit seinen Ansichten übereinstimmen. Man mag dem wissenschaftlichen Zwerg
nachsehen, dass er sich den Riesen gegenüber undankbar zeigt, solange er selbst
nur weit genug sieht. Dazu muss er sich aber zumindest auf Schulterhöhe der
Riesen befinden. Anders formuliert: Wer schweres Geschütz gegen die Forschung
auffährt, sollte diese wenigstens kennen, um nicht am laufenden Band
Rohrkrepierer zu produzieren.
Kleines Lexikon
Lässt
bereits der Blick in das übersichtliche Literaturverzeichnis Böses erahnen, so
bestätigt die Lektüre den Eindruck, dass Sauter nicht weiss, gegen wen er
polemisiert. Sauters Background umfasst Musiklehren und Lexika; dagegen findet
nur eine Handvoll musikwissenschaftlicher Forschungsbeiträge Erwähnung. Sauter
setzt offenkundig Musikwissenschaft mit Kompendienliteratur gleich, was ungefähr
so sinnvoll ist, als betrachtete man den «Brockhaus in einem Band» als Synonym
für das Weltwissen. Doch selbst einer Diskussion auf lexikalischer Ebene hält
Sauter nicht stand, da er zwar Meyers «Kleines Lexikon Musik», nicht aber ein
Standardwerk wie «Musik in Geschichte und Gegenwart» zitiert.
Dabei
demonstriert gerade ein kurzer Blick auf den Artikel «Konsonanz-Dissonanz» in
der neuen Ausgabe der MGG, dass Sauter auch inhaltlich kaum Neues zu bieten hat.
Das betrifft schon seine erste Kernaussage, dass Töne harmonieren, weil
bestimmte Teiltöne zusammenfallen. Dieser Sachverhalt findet sich im MGG-Artikel
unter der Bezeichnung «Verschmelzung» als eine von drei Möglichkeiten für die
Bestimmung von Sonanzgraden. Diese Betrachtungsweise hat gegenüber der Sauters
den Vorteil, dass hier weitere Definitionsmöglichkeiten - etwa anhand von
Frequenzverhältnissen oder von Obertönen - ohne Hierarchisierung aufgeführt
werden.
Dagegen lässt sich Sauter auf eine Diskussion vom Typus «Henne oder
Ei» ein und beharrt auf einer Trennung zwischen dem eigentlichen «Wesen» der
Konsonanz (der Übereinstimmung von Teiltönen) und ihrer «äusseren Erscheinung»
(den Frequenzverhältnissen). Sauter wird hier wie auch an anderen Stellen zum
Opfer seines eigenen Bestrebens, Musik in «Prinzipien» zu fassen. Damit liefert
er das beste Beispiel für Carl Dahlhaus' Beschreibung eines «einseitigen
Systems», das, «weil es alles klassifiziert, schliesslich nichts mehr erklären
kann».
Kleine Entgleisung
Erwiese man sich Sauter
gegenüber als ebenso unbarmherzig wie dieser sich gegenüber der Forschung,
könnte man zu dem Fazit kommen, dass die Lektüre einschlägiger MGG-Artikel zu
einem grösseren Erkenntnisgewinn als die Durchsicht seines Buches führt. Und
selbst diese Einschätzung ist noch wohlwollend, weil sie peinliche Äusserungen
wie etwa jene über die weltweite Überlegenheit der tonalen Musik aussen vor
lässt. So ist nach Sauter zur Verdrängung der «modalen Musik» in einem
«islamischen Gottesstaat (...) nicht viel mehr nötig als beispielsweise die
Aufhebung eines Einfuhrverbotes für westliche Musikinstrumente».
Weiter wird
behauptet, dass die Musik des Mittelalters den Sprung in die Dur-Moll-Tonalität
deshalb nicht vollzogen habe, weil es «vor der Religion kein Entrinnen gab».
Hier wie auch im Falle seiner Kriegserklärung an die atonale und zwölftönige
Musik verzichtet Sauter auf eine schlüssige Beweisführung - der Verweis auf den
«Klanggenuss» und seine angeblichen Feinde ist offenbar Beleg genug. Von einer
«Anatomie der musikalischen Ästhetik», wie sie der Titel verspricht, kann also
nicht die Rede sein: Sauter bedient sich lediglich ästhetischer Topoi, ohne sie
zu hinterfragen.
Ein Verdienst des Buches liegt in einer durch
Verständlichkeit gekennzeichneten Beschäftigung mit der komplexen Problematik
«Tonalität» wie auch in interessanten Einzelbeobachtungen zur Frage der
Konsonanzbestimmung und zum Verhältnis von Harmonie und Takt. Der gigantische
Deutungsanspruch Sauters überdeckt jedoch solche positiven Ansätze und lässt das
Buch in seiner jetzigen Form als Absurdität erscheinen. Als Absurdität freilich,
die andere Kuriosa des Musikbuchmarktes durch das ihr zugrundliegende Mass an
Ignoranz weit übertrifft.
Franz Sauter: «Die tonale Musik. Anatomie der
musikalischen Ästhetik». Libri Books on Demand, Hamburg 2001, 144 S., Fr.
18.20.
Von Stefan Brandt
© 2002
National Zeitung und Basler Nachrichten AG